Ich bin gegen Studiengebühren.

Im Folgenden findet ihr meine E-Mail, die ich noch in der Nacht vor der endgültigen Abstimmung im Landtag, an die Damen und Herren Abgeordnete der Fraktion GRÜNE Baden-Württemberg versendet habe:

Sehr geehrt(e) … ,

da habe ich mich wohl verwählt.

Mein Name ist Johanna Lohrer, ich studiere Philosophie an der Universität Stuttgart und komme erst von meinem Auslandssemester aus England zurück.

In NRW kämpfen die Grünen gerade gegen die Studiengebühren, während die Grünen in Baden-Württemberg wohl kurz davor sind sie wieder, zumindest für bestimmteGruppen, einzuführen. Das habe ich nicht gewählt. Und auch meine Überlegungen rund um einen Parteibeitritt habe ich nun erstmal auf Eis gelegt. Denn Studiengebühren will ich nicht mittragen.

Denn nichts ist mir neben aktivem Umweltschutz so wichtig wie der freie Zugang zu Bildung,für jede und jeden zu egal welcher Zeit.

Ich bin davon überzeugt, dass Bildung der Schlüssel ist, der eine Gesellschaft, also viele verschiedene Menschen, zusammenhält und weiterführt. Und Gesellschaft, in unserer modernen, globalisierten Welt lässt sich dann nicht durch Staats- oder auch EU-Grenzen, beschränken. Die Probleme (z.B. Klimawandel, Menschenrechte, Ausbeutung wirtschaftlich schwächerer Regionen, stabile politische Systeme uvm.), mit denen wir es in unserer modernen Welt zu tun haben, betreffen uns alle und es ist notwendig an dieser Stelle zusammenzuarbeiten – international und das auch an unseren Universitäten. Und das sollen dann nicht nur die Wohlhabenden die am richtigen Ort geboren worden sind sein, sondern alle, die begeistert sind von ihrem Fach, die Stunden, Tage, Jahre investieren werden und dadurch unsere Gesellschaft durch ihr Wissen bereichern werden.

Schon während meiner Tätigkeit als Vorsitzende des Landesschülerbeirates Baden-Württembergs ist mir immer wieder aufgefallen, dass „Bildung“ aus politischer Perspektive momentan viel zu sehr auf die eine ihrer vielen Komponenten reduziert wird. Und zwar, um genau zu sein, auf ihre: um-einmal-viel-Geld-zu-verdienen-Komponente. Sicherlich kommt es bei Bildung auch darauf an, dass sie den einzelnen dazu befähigt, später einmal einen Beruf ausüben zu können, mit dem man auch seinen Lebensunterhalt finanziert bekommt, doch das ist nur eine Seite der „Bildung“ wie sie vor allem auch an den Universitäten verstanden wird. So studiere ich ja beispielsweise auch nicht Philosophie, um dann eine der zahlreichen besonders gefragt und gut bezahlten Philosophinen auf dem Arbeitsmarkt zu werden, – und so wird es vermutlich vielen Geistes- und Sozialwissenschaftlern oder auch Künstlern gehen, dass für diese, während ihres Studiums eben ihr gewähltes Fach im Vordergrund steht und es zunächst kein, als Studienzweck anvisiertes Ziel gibt – und genau das ist es was Bildung eben auch ausmacht: Freiheit und Kreativität, die wieder Neues, Fortschrittliches entstehen lassen.

Doch hätte ich zu Zeiten meines Studienbeginns gewusst, dass ein Zweitstudium in einem anderen Fach mich, zumindest in Baden-Württemberg, nocheinmal zusätzlich 1300,- EUR mehr im Jahr, also knapp 110,- pro Monat mehr kosten würde, zuzüglich aller Lebenserhaltungskosten, die sich dann ja auch nicht mehr via BAföG o.Ä. finanzieren ließen, ich glaube ich hätte mir das mit Philosophie doch noch einmal sehr genau überlegt. Das heißt nicht, dass ich Geisteswissenschaften und Künste für weniger sinnvoll halte als andere Studiengänge, ganz im Gegenteil! Aber es ist eben tatsächlich der Fall, dass ein Berufseinstieg in diesen Fächern häufig schwieriger ist als andereswo und unter diesem finanziellen Druck hätte ich mich dann gegebenenfalls doch gegen mein eigentliches Interesse und das Fach in dem ich gut bin entschieden und mich der reinen Zweck-Bildung verschrieben, weil ich eben nicht die reichen Eltern habe, die mir die entsprechende Sicherheit geben können.

Und das kann es, in meinen Augen nicht sein. Wir als Gesellschaft, – und für die entsprechenden gesellschaftlichen Regelungen sind Sie als Abgeordnete verantwortlich-, müssen dafür Sorge tragen, dass nicht nur jeder einzelne ein gutes Leben führen kann, sondern wir auch alle gemeinsam miteinander. Und dafür müssen wir die Chancen der unterschiedlichen Interessen und Talente nutzen und zwar von allen und nicht nur den finanziell gut aufgestellten! Es geht nicht immer nur um Profit und mehr Geld, sondern eben auch um gesellschaftlichen Zusammenhalt, Frieden, Umgang mit dem Klimwandel, Verständigung, Demokratie und Zufriedenheit. Und Politik sollte, meines Erachtens, immer zuerst die Menschen, die Gesellschaft, und dann das Geld denken.

Und wenn da ein Haushaltsloch ist, und das Wissenschaftsministerium damit umgehen muss, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass die einzigen beiden Möglichkeiten lauten: Entweder wir streichen Studienplätze (und sparen damit Geld), oder führen, zumindest in Teilen, wieder Studiengebühren ein (und nehmen damit Geld ein). Warum nutzt man hier nicht die kreative Gestaltungs- und Ideenkraft von jungen Studenten und erfahrenen Professoren aus dem Bereich der Volkswirtschaft um Alternativvorschläge im Umgang mit diesem Problem auszuarbeiten? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich so auch andere Lösungswege werden finden lassen.

Baden-Württemberg ist Vorbild für viele andere Länder. Auch in England wurde immer wieder auf Deutschland gezeigt, mit dem Vermerk, dass hier Bildung frei zugänglich ist und uns scheinbar noch mehr bedeutet als reine Geldfabrik. Man schaut auf uns, gerade auch jetzt, wie das Parlament, wie Sie nachher entscheiden werden, ob Bildung weiter allen zugänglich bleiben wird, die sich dafür interessieren und mit Begeisterung an ihrem Fach arbeiten wollen, oder eben nicht. Bitte bedenken Sie, bei Abgabe Ihrer Stimme, dass Sie damit gleich doppelt entscheiden:

  1. für den Studenten, für den Mehrausgaben von 110,- EUR, bzw. 250,- EUR eben nicht einfach „nichts“ ist, sondern meistens viele Studenden zusätzliche Zeit im Nebenjob, anstelle von in der Bibliothek, im Seminar und am Lernen und
  2. für unsere Gesellschaft und ihr Verständnis von Bildung allgemein und für die Einzelperson.

Ich fürchte mich vor notorischen Einzelgängern, die nur auf ihr eigenes wirtschaftliches Wohl in ihren eigenen vier Wändern aus sind, der zunehmende Isolationswahn der einzelnen Bürgerinnen und Bürger tut unserer Gesellschaft nicht gut und steuert der gemeinschaftlichen Problembearbeitung nur entgegen.

Ich hoffe, es wurde deutlich, dass ich und viele andere Studenten ernsthaft am geplanten Gesetzesvorhaben und seiner Sinnhaftigkeit zweifeln (auch weil er einen enorm bürokratischen Aufwand mit sich bringt, dem mithilfe der 20% für die Universitäten in einigen Fällen bestimmt nicht gerecht werden kann und auch die 5% Ausnahme an, z.B. landwirtschaftlich orientierten Hochschulen ganz gewiss nicht das Ziel erreichen werden nach wie vor Studenten aus Entwicklungs- und Schwellenländern den Zugang zur Bildung zu ermöglichen. Und haben Sie einmal die Lebenserhaltungskosten in Deutschland mit denen von Indien verglichen?) und ich möchte sie wärmsten Herzens dazu ermutigen nachher gegen dieses Gesetzesvorhaben zu stimmen. Nicht, weil Sie damit ihrer Ministerin in den Rücken fallen, aber weil Sie damit beweisen können, dass Politik lernfähig ist, dass auch die Grünen in Baden-Württemberg Bildung als Fundament der Gesellschaft höher schätzen als das Prinzip der reinen Wirtschaftlichkeit und nicht zuletzt um den Erwartungen der wahrscheinlich meisten Grünen Wähler gerecht zu werden, die unter ihrer, im Wahlprogramm beschriebenen „Öffnung der Hochschulen“ wohl kaum die teilweise Wiedereinführung von Studiengebühren verstanden haben. Auch wird diese Abstimmung sicherlich Einfluss haben auf die ein oder andere Wählerstimme während der Bundestagswahl. Ich hatte mich eigentlich gefreut über den „Grünen Erfolg“ in diesem Bundesland, allerdings war ich da auch noch von einer Partei ausgegangen, die es ernst meint mit ihren Zielen.

„Das Studium ist ein attraktiver Bildungsweg, der Persönlichkeitsentwicklung und beruflichen Erfolg verspricht. Wir GRÜNE wollen daher allen, die ein Studium aufnehmen möchten und dazu befähigt sind, die Möglichkeit dazu geben. Der Zugang zum Studium darf nicht vom Geldbeutel oder von der sozialen Herkunft der Eltern abhängen. Deswegen haben wir die allgemeinen Studiengebühren abgeschafft und neue Studieneinstiege und neue Formen der Studienberatung geschaffen. Darüber hinaus haben wir den Einstieg ins Studium für beruflich Qualifizierteerleichtert. Diesen Kurs der Öffnung der Hochschulen werden wir GRÜNE in der nächsten Legislaturperiode fortsetzen.“ (GrüneBW Landtagswahlprogramm 2016, S. 123)

Gerne vermittele ich Ihnen, beziehungsweise dem entsprechend betroffenen Ausschuss des Landtags, die nötigen Kontakte zu den volkswirtschaftlichen Instituten, beziehungsweise an einer Erarbeitung eines Alternativvorschlags Interessierten.

Ich hoffe sehr, dass meine Mail nicht ganz auf taube Ohren stößt und Sie nachher nicht einfach Ihrer Fraktion entsprechend abstimmen, sondern gut überlegt und gewissenhaft.

Mit freundlichen Grüßen

Johanna Lohrer

 

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